Ein Schriftsteller muss auch zum Journalisten werden.

Autor Stefan Hertmans besuchte am 31.08.2018 anlässlich des Eifel Literatur Festivals das Haus Beda in Bitburg. Drei Schülerinnen des „Exzellenzkurses“ hatten vorab die Möglichkeit, den Schriftsteller zu interviewen.

Stellen Sie sich vor, eine Geschichte wie die von Romeo und Julia hätte es wirklich, tausend Jahre zurück, in Ihrer Nachbarschaft gegeben. So erging es dem belgischen Autor Stefan Hertmans, der vor einigen Jahren von dieser Geschichte erfuhr und sich auf die Suche machte. Im Rahmen des Exzellenzkurses des St. Willibrord-Gymnasiums Bitburg in Zusammenarbeit mit der Volksbank Eifel eG durften drei Schülerinnen des Bitburger Gymnasiums, den Autor beim Eifel Literatur Festival vor der Veranstaltung treffen. Sein Roman „Die Fremde“, spielt in Frankreich im 11. Jahrhundert und handelt von einer jungen Christin, die aus Liebe zum Sohn eines Rabbi zum Judentum konvertierte. In den folgenden Jahren kam es zu Judenverfolgungen und den Kreuzzügen, die ihr Leben und das ihrer Familie in Gefahr brachten. Ihre zwei Kinder werden entführt. In der Hoffnung, ihre Kinder zu finden, reiste die mutige Frau aus dem kleinen französischen Dorf Monieux Richtung Süden, bis nach Kairo. Hertmans selbst kaufte vor einigen Jahren ein Haus im besagten Dorf und ließ sich sofort von der Geschichte fesseln. Er stieß durch Nachbarn auf Dokumente dieser Zeit und begab sich auf die Suche nach weiteren Hinweisen. Der Roman beweist nicht nur große schriftstellerische Talente, sondern auch profunde Recherchearbeit sowie eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Thema und den historischen Hintergründen. Stefan Hertmans selbst identifizierte sich intensiv mit der Rolle, in die er hineinschlüpfen musste.
„Manchmal fragte ich mich, wie sie schlief, was sie hörte, was sie dachte.“
Seine Wahl-Heimat hat ihm geholfen. In Monieux ist es aufgrund von Stadtgemäuern und alten Wegen möglich, wiederzuerkennen, wie die Landschaft wohl vor 1000 Jahren ausgesehen hat, was er dem Bitburger Publikum auch mit Bildern zu veranschaulichen versucht. Das Publikum fordert er auf, sich vorzustellen, was es zu der damaligen Zeit hieß, ein blondes, blauäugiges Mädchen mit christlichem Glauben zu sein, das sich auf einen südlich aussehenden jungen Juden aus der Provinz einlässt. Diese 1000 Jahre Zeitunterschied trennten Hertmans nicht von der Geschichte, die sich vor seinem innerlichen Auge abspielte. Er habe sich überlegt, wie es gewesen wäre, das junge Paar bei sich zu Hause aufzunehmen, ihnen einen Kaffee anzubieten. Was hätten sie zu erzählen? Hertmans selbst war auf der Suche nach Antworten: „Ein Schriftsteller muss auch zum Journalisten werden.“. Er sei auf seine Art genauso ein Maler wie sein Großvater, der diesen Beruf tatsächlich ausübte. Ein Vogel im Baum sei auch nicht lediglich ein Vogel. Ein Autor müsse präzise sein. Hertmans führt das Beispiel einer Amsel an, welche allein schon große, aber auch kleine Details aufweiste. Zur Beschreibung gehören für ihn auch Gerüche, Geräusche, Eindrücke, Strukturen und vieles mehr. All das müsse ein Autor dem Leser illustrieren.
Von seinem Großvater, der in den Krieg gezogen war, aber „nicht die Augen vor der Schönheit der Welt geschlossen habe“, habe er gelernt, dass „Schönheit wichtig für die Welt ist, um sich zu wehren, um nicht depressiv zu werden“. In seinem Interview antwortet er auf die Frage, wie er auf die Idee zum Roman gekommen sei, dass dies mit jedem Buch anders sei. „Geschichten kommen meist einfach unwahrscheinlich.“ Er war so gefesselt von seiner Protagonistin und deren Leben, dass er sich wünschte: „Ich möchte mir dieses Mädchen vorstellen.“
Und somit begannen die Fragen, die sich nach und nach für ihn bildeten.
„Wie hat sie das Mittelmeer überquert?“ Hertmans hatte lediglich ein altes Dokument zur Verfügung, welches ihm von einem Nachbarn gezeigt wurde. Daraus sammelte er zunächst alle Informationen, mit denen er eine Geschichte entstehen lassen konnte. Dann begann die Recherche. Er ging auf Reisen, versuchte, den Weg der Protagonistin nachzuvollziehen. Abgesehen davon beschreibt er, dass er sehr viel nachschlagen und lesen musste, um an Informationen zu gelangen, denn er wollte sich nichts einfach „dazuerfinden“. Somit musste er Details erarbeiten, wie zum Beispiel Krankheiten, die eine junge Frau auf solch waghalsigen Reisen erwarten, gerade in dieser Zeit. In Ägypten beispielsweise starben viele Menschen an einfachen Magenbeschwerden, für die man heute lediglich ein Medikament in Form einer Pille einnehmen muss, um wieder zu genesen. Auch über solche Gegenmittel der damaligen Zeit musste Hertmans sich informieren. Auf die Frage hin, ob es ihm schwerfiel, sich als männlicher Autor in eine weibliche Protagonistin zu versetzen, reagiert er gelassen. Zuvor habe er schon in einem Buch Erfahrung darin gesammelt, aus der weiblichen Perspektive zu schreiben. Die Faszination, über Frauen und aus deren Sicht zu schreiben, sei schon lange da.
„Frauen sind der bessere und stärkere Teil der Welt!“, behauptet er charmant. Sein ganzes Leben sei er schon fasziniert von der griechischen Göttin Antigone, welche in der antiken Mythologie ungewöhnlich reagiert habe: „Ich als Frau sage nein.“
„Wenn Frauen in griechischen Tragödien „Nein“ sagen würden, werde das ganze männliche Haus einstürzen.“
Nach dem Beenden eines Buches sei der Abschied eines Autoren von einem Protagonisten, von einer Person, die einen monatelang begleitet habe, wie ein Nachhall. Figuren erfände ein Autor nicht nur, sondern er erlebe sie auch. Es sei wie eine „fiktive Geburt“.
„Ein Schriftsteller ist ein Mensch, der den Zufall notwendig macht. Eine Geschichte zieht nicht an der Jacke, steht an der Tür und klopf und sagt: Ich bin eine Geschichte, erzähl mich.“
Auf die Frage, ob er einen Rat an junge Autoren habe, antwortet er: „Man muss bei sich selbst bleiben. Man darf nicht aufhören zu schreiben.“ Weiterhin gibt er uns den Tipp, dass viele Schriftsteller die erste Seite tatsächlich als letztes schreiben.
Als das Interview und die Lesung beendet sind, wird uns erst richtig bewusst, was Hertmans mit der Äußerung ganz am Anfang des Interviews meinte:
„Es ist wie Romeo und Julia, nur in echt.“
Nicht nur, dass Hertmans mit seinem Roman ein Problem in den Blickpunkt stellt, das ganz aktuell von Bedeutung ist, denn Menschen werden auch in unserem Jahrhundert noch aufgrund ihrer Religionen verurteilt und müssen schwierige Fluchten bewältigen. Er beschreibt auch das Leben eines Paares, das sich so sehr geliebt hat, dass sie dazu bereit waren, Grenzen zu überschreiten. Sie wussten, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn sie aufgedeckt würden und trotzdem haben sie es getan. Denn einen Augenblick mit der Person zu verbringen, die sie liebten, schien ihnen wertvoller als ihr Leben. Auch wir haben die Parallelen erkannt, die diese Liebesgeschichte - der christlichen Protagonistin und ihres jüdischen Geliebten - zu Romeo und Julia aufweist. Der Abend beim Eifel Literatur Festival war eine Bereicherung für uns und den Exzellenzkurs und wir freuen uns sehr, dass wir ihn erleben durften. Auch für unsere Schreibwerkstatt und andere Workshops wird uns dieser Abend einen Schritt weiterbringen. Schlussendlich möchten wir uns im Namen aller beim Veranstalter bedanken, der uns Gratis-Karten für diesen Abend schenkte.